Produkt im Fokus
Alles so schön bunt hier. Drehladen-Container Stahlblech 5-fach Polychrom
🕑 6:39 Min. | Von Stefan Ernst | Zum Produkt
Saufen die jetzt Lack?, mögen sich die einen oder anderen, insbesondere aber die langjährigen Manufactum Kenner*innen angesichts der ungewohnten Farbenkumulation gefragt haben, die jeden dieser drei Neuzugänge unseres Kleinmöbelsortiments – es handelt sich um Exemplare der seltenen Gattung Drehladen-Container – zuerst und unübersehbar kennzeichnet. Die klare Antwort: Nein, aber geschadet hätt’s auch nicht.
Geschüttelt, nicht gerührt
Wir saufen nämlich nicht nur keinen Lack, sondern brauchen technisch betrachtet nicht einmal welchen, um diese bunten Gesellen in das polychromatische Gewand kleiden zu lassen, in dem sie daherkommen. Das nämlich wird nicht via Lackierung, sondern via Pulverbeschichtung aufgetragen, ein elektrostatisches Verfahren, bei dem elektrisch geladene (trockene) Farbpartikel auf einen leitfähigen Untergrund (wie das hier verwendete Stahlblech einer ist) zunächst aufgebracht und anschließend eingebrannt werden. Das führt nicht nur zu einer gleichmäßigen und deutlich innigeren – somit überaus robusten und haltbaren – Verbindung zwischen Farbe und Material als eine klassische Lackierung, sondern macht auch den Einsatz von Lösungsmitteln obsolet, die es braucht, um Lack in einen streich- oder sprühfähigen beziehungsweise, um im Bild zu bleiben, trinkbaren Aggregatzustand zu versetzen – eine Kombination also aus qualitativem Mehrwert und Schadstoffreduktion, die im Neudeutschen mit einigem Recht als Win-win-Situation firmieren darf.
Blickdicht? Nein danke
Der in der Praxis wenig verbreitete, ohnehin nicht anzuratende Genuss flüssigen Lacks steht ja synonymisch für ein Verhalten, das nach rationalen Maßstäben als hirnrissig gilt, mindestens aber den Anspruch des Nicht-Herkömmlichen erfüllt. Den ersten Schuh würden wir uns nicht anziehen wollen, den zweiten durchaus, weil in der Tat die Farbigkeit – mehr noch die Vielfarbigkeit – eine Eigenschaft ist, die man bei den von uns bevorzugten Produkten häufig vergeblich sucht (wenn man sie denn sucht). Das übrigens ist nicht etwa einer hier und da schon unterstellten grundsätzlichen Farbenaversion oder gar -phobie geschuldet, sondern dem Umstand, dass wir der Materialität unserer Produkte einen hohen Stellenwert beimessen, und zwar entsprechend der Maßgabe, dass ein Gebrauchsgegenstand gefälligst aus Materialien gemacht sein soll, die geeignet sind, soll heißen: ihn in hohem Maße funktionstüchtig, handhabbar und durabel, ihn also für die ihm zugedachte Aufgabe tauglich machen. Gleiches gilt im Idealfall für die Formgebung. Die ästhetische Bewertung schließlich – so die gar nicht mal so steile These – resultiert nicht zuletzt aus der Wahrnehmung eines plausiblen Zusammenspiels von Material und Gestaltung, von Form und Funktion eines Dings zugunsten seiner Zweckdienlichkeit.
Dass diese ein wenig archaische Argumentation vielfach relativierbar und auf viele Produkttypen gar nicht anwendbar ist, wissen wir, sie führt aber auf direktem Weg zu der Antwort auf die Frage, warum die Mehrzahl unserer Produkte gar nicht oder nur moderat farbig daherkommt: Weil nämlich die Wahrnehmung des Materials erfordert, dass man es sieht, weshalb wir es unverstellt, unbehandelt, unbeschichtet bevorzugen, damit man es erkennen und mit seinen je spezifischen förderlichen Eigenschaften assoziieren kann.
Keine Farbenlehre
In Umkehrung eines in solchen Zusammenhängen zwingend zu bemühenden Bonmots von Walter Gropius („Bunt ist meine Lieblingsfarbe“) könnte man also vermuten, materialsichtig sei unsere Lieblingsfarbe. Auch das allerdings greift zu kurz, weil zu jeder guten Regel die Ausnahme gehört, zu der oben beschriebenen gleich mehrere. Eine davon: Es gibt Materialien, bei denen eine Oberflächenbehandlung angezeigt ist, sei es, weil sie ohne diese zu Korrosion, beschleunigter Abnutzung oder auch nur zur Schäbigkeit neigen, sei es, weil Materialverbindungen, Bearbeitungsspuren oder Unebenheiten zugunsten eines optisch und haptisch homogenen Erscheinungsbildes eingeebnet werden sollen. Zu diesen gehört der Stahl, aus dem zum Beispiel unsere Drehladen-Container gemacht sind und der ohne weitere Oberflächenbehandlung für Rost anfällig wäre.
Weil ein naheliegendes Beschichtungsverfahren für Metalle – die Galvanisierung – aus Kosten- und praktischen Gründen nicht infrage kommt, bleiben Lackierung und Pulverbeschichtung – und werfen Fragen auf, nämlich, richtig, die nach der Farbe beziehungsweise, wenn man es gern etwas komplexer hat (und die gleiche Lieblingsfarbe wie Walter Gropius): den Farben. Oha!
Den in diesem Fall mit der Farbauswahl betrauten Kolleg*innen schwante recht schnell, dass Freiheit eine Bürde sein kann, zum Beispiel eben dann, wenn es heißt, aus einer Grundgesamtheit von nicht nur gefühlt unendlich vielen Farben selbst gestrickten Kriterien folgend fünf herauszupicken und sie, auch das noch, in eine plausible?, sinnfällige?, harmonische? – ja was denn eigentlich? – Reihenfolge zu bringen. Da helfen auch Goethe und Itten nur bedingt, eher schon RAL, Pantone und NCS, die die Freiheitsgrade immerhin einschränken.
Nun ist es zum Glück nicht so, dass nicht schon Farben in der Welt wären, auch in Kombination. In der Natur zum Beispiel muss sich die ostentative Farbigkeit, mit der etwa Schwertlilie, Pfau oder Mandrill sich schmücken, bewährt haben (sonst wären sie nicht mehr da). Regenbogen, Abendhimmel und Indian Summer unterliegen zwar keinerlei Wettbewerb, sehen aber trotzdem gut aus. Auch die künstlerische Sphäre gibt einiges her, ist doch die Farbe zentrales Sujet in Malerei und Grafik, und auch die Geschichte der Bekleidung ist nicht zuletzt eine der Farben (ebenso übrigens die der Chemie).
An Anregungen mangelt es demnach nicht, an Farben sowieso nicht, also hieß es für uns Manufactum Produktentwickler*innen frisch ans Werk: Einige Hundert Farben greifen (digital und in Fächerform), kombinieren, Dramaturgien durchspielen (Farbverläufe, Komplementärkontraste, Kontrapunkte), Entwürfe diskutieren, selektieren, verwerfen, rekombinieren, diskutieren, sacken lassen, Favoriten nominieren, wieder diskutieren, verwerfen, rekombinieren und so weiter und so fort.
Sehr, sehr viele Versuche und Irrtümer später war es dann so weit: Im April 2025 erblickten die bunten Drehladen-Container namens Bruno, Alessandro und Dario unweit von Venedig das Licht der Welt. Mittlerweile sind sie zu nicht nur honorigen, sondern auch überaus begehrten Vertretern ihres Sortiments herangereift. Und mit ihnen gereift ist die Erkenntnis, dass ein Schlückchen Lack gar nicht so verkehrt gewesen wäre.



















