Seine Zeit war revolutionär, seine Erfindung war es nicht minder: Vor mehr als 200 Jahren, inmitten der Nachwehen der Französischen Revolution, stellte Joseph Marie Jacquard seinen Webstuhlaufsatz zur Mustersteuerung vor, der zu den großen technologischen Entwicklungen des ausgehenden 18. Jahrhunderts zählt und als einer der Auslöser der Industriellen Revolution gilt. Mehr als das: Die lochkarten- bzw. lochstreifengesteuerte „Jacquard-Maschine“ steht am Beginn einer Entwicklung, die auf lange Sicht ins Informationszeitalter führte.
Die Lebensgeschichte des Joseph Marie Jacquard (1752–1834) liest sich in der Kurzfassung wie eine große Erfolgsgeschichte: Geboren als Sohn eines einfachen Webers und schon als Kind als „Musterzieher“ in eine monotone Arbeit im familiären Produktionsalltag fest eingespannt, bringt er es im Laufe seines Lebens zur Berufung an das renommierte „Conservatoire des arts et métiers“, wird von Napoleon mit einer Leibrente ausgestattet und mit dem Kreuz der Ehrenlegion behängt. Seine Heimatstadt Lyon setzt ihm sechs Jahre nach seinem Tod gar ein Denkmal – auf das wird allerdings noch zurückzukommen sein. Denn wie so oft läßt sich diese Geschichte auch ganz anders erzählen: Jacquard entflieht als Jugendlicher der heimischen Weberei, um nicht zum Weber, sondern zum Buchbinder zu werden. Das Erbe des väterlichen Besitzes zwingt ihn schließlich wieder an den Webstuhl. Dort macht er vor allem eines: Er versucht sich mit großer Verbissenheit an der mechanischen Perfektionierung seiner Ausrüstung und vernachlässigt dabei das ökonomische Hauptgeschäft so sehr, daß ihn die Vorliebe zum Tüfteln und Experimentieren über viele Jahre völlig verarmen läßt.
Schlüsselindustrie des Manufakturzeitalters.
Ganz erfolglos bleibt er indessen nicht. Es gelingen ihm eine ganze Reihe von Verbesserungen; einen ersten Durchbruch markiert eine Konstruktion, die das Weben von Netzen vereinfacht. Sie bringt keinen nennenswerten ökonomischen Erfolg, macht aber Paris auf ihn aufmerksam und führt so zur erwähnten Berufung ans „Conservatoire“. Die Möglichkeit, die Arbeit hier fortzusetzen, erweist sich als entscheidend. Sie erleichtert den Rückgriff auf bereits erdachte und erprobte Verbesserungen des Webstuhls, an denen das 18. Jahrhundert reich ist; die Textilindustrie ist die Schlüsselindustrie des Manufakturzeitalters. In Vielem wird Jacquard bei seinem eigenen Entwurf auf Vorläuferkonzepte zurückgreifen. Selbst die heute fest mit seinem Namen verbundene Steuerung der musterbildenden Zugfäden mittels gestanztem Endlospapier hatten Basile Bouchon (1725) und Jean Baptiste Falcon (um 1730) bereits Jahrzehnte zuvor umgesetzt. Eine Schlüsselrolle bei seiner Beschäftigung mit neuen Konstruktionsideen spielt der ebenfalls bereits über Lochkarten gesteuerte, jedoch nur für einfachste, sich rasch wiederholende Muster geeignete Webstuhl des Automatenbauers Jacques de Vaucanson (1709–1782). Er funktionierte, brachte jedoch, was für Jacquard eine Vorwarnung hätte sein können, die Zunft der Lyoner Seidenweber derart gegen seinen Erfinder auf, daß der Webstuhl schließlich in Einzelteile zerlegt im Magazin des „Conservatoire“ landete und verstaubte.
Lochkarten. Binär. Nur Ja oder Nein.
Wie die meisten Großen der Technikgeschichte erfindet also auch Jacquard nicht aus dem Nichts, sondern führt bekannte Ideen und Lösungsansätze zu einer einzigen, zuverlässig produktionstauglichenMechanik zusammen. Er kombiniert die Grundkonstruktion eines ursprünglich über eine Nockenwalze gesteuerten österreichischen Musterwebstuhls mit Vaucansons Lochkartensteuerung und kommt so zu einem tauglichen, wenig störanfälligen Mechanismus. Das Grundprinzip, extrem vereinfacht: Jeder der für die Musterentstehung wesentlichen Kettfäden kann einzeln angehoben und so im Webvorgang „übersprungen“ werden. Die Lochkarte steuert den Vorgang dabei binär, d.h. sie kennt nur die beiden Zustände „Angehoben“ oder „Einzuweben“, je nachdem, ob die Karte an entsprechender Stelle eine Perforation aufweist oder nicht. In der Praxis ist das, so einfach es klingt, von beeindruckender Komplexität. Ein aufwendiges Muster kann aus mehreren zehntausend Karten bestehen und das Erstellen eines neuen erfordert vor dem ersten Einsatz eine wochenlange Vorbereitungszeit. Einmal zur Hand, ersetzt der Lochkartenstapel die Arbeitskraft des Musterziehers jedoch vollständig – und wird in den folgenden Jahrzehnten die vollständige Automatisierung der Textilindustrie überhaupt erst ermöglichen.
Beharrungsvermögen. Und Innovation.
Napoleon und seine Wirtschaftsfachleute erkennen die Jacquardsche Konstruktion sofort als den Durchbruch, den sie darstellt. Anders sieht es bei den noch immer wie eine Zunft organisierten Webern aus: Sie fürchten, von der technologischen Entwicklung überrollt und ersetzt zu werden. Jacquards Entwicklung droht das Schicksal, das schon der seines Vorläufers Vaucanson beschieden war. Er wird von der Lyoner Zunft mit Prozessen überzogen und an einem denkwürdigen Tag im Jahre 1806 wird ein Exemplar seines Webstuhls mitten in Lyon öffentlich zerstört und verbrannt – die britischen Maschinenstürmer, die sich Jahrzehnte zuvor gegen einfachste Mechanisierungen in der Textilherstellung gewalttätig auflehnten, finden zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Frankreich Nachahmung.
Selbst ein Napoleonisches Dekret, das den Einsatz der technischen Neuerung vorzuschreiben versucht, hat zunächst wenig Erfolg. Die Geschichte der Jacquard-Maschine ist daher weit mehr als nur Technikgeschichte. Sie ist auch ein Musterbeispiel für die „Schwerkraft der Verhältnisse“ und für das Beharrungsvermögen von Interessensverbänden, die Innovationen im Wege stehen können – damals wie heute. Selbst die schlußendliche Durchsetzung der Jacquardschen Maschine taugt gewissermaßen als Lehrstück: Als sich die Lyoner Weber der britischen Konkurrenz ausgesetzt sahen, die mit der Einführung neuer Techniken mittlerweile weniger zurückhaltend waren, überwog schnell das nationalökonomische Argument. Schon für 1812 ist vom Einsatz von nicht weniger als 18.000 Jacquard-Webstühlen die Rede. Als Jacquard 1834 hochbetagt starb, hatte sich seine Idee längst europaweit durchgesetzt. Sein Denkmal übrigens, wird behauptet, steht in Lyon exakt an der Stelle, an der einst sein Webstuhl in Flammen aufging. Wenn das kein später Triumph ist.
Wirken im Spannungsfeld.
Verschwundenes Handwerk und die Erfindung des lochkartengesteuerten Webstuhls, die Auflösung tradierter Arbeitsstrukturen und der industrielle Fortschritt – unterschiedliche Sichten (und Schichten) eines schwierigen Prozesses finden Sie in diesem und dem Thema "Verschwundenes Handwerk". Die sich daraus ergebende Spannung begleitet, um nicht zu sagen, bestimmt unsere Arbeit. Mit unseren Produkten versuchen wir, darauf zu antworten. In unserem aktuellen Produktangebot finden Sie etliche Jacquard-Produkte, zum Beispiel die Kissenrolle (oben), Tagesdecke und Kissenbezug. Das Muster entstammt dem florentinischen Barock.
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