Verschwundenes Handwerk. Vergangene Kultur

Einst gab es Königreiche, in denen der König „Meister“ oder „Mastro“ genannt wurde; Meister des Hammers, der Feile, des Schustermessers, der Nadel, der Drehbank und so fort. „Eine Kultur lebt vor allem in der Mannigfaltigkeit ihrer Berufe,“ sagt Gesualdo Bufalino. Zusammen mit Ihnen tun wir mit Manufactum das unsere für deren Erhalt. Wir verstehen es als Kaufmanns- wie Kulturaufgabe, Dinge in der Welt zu halten oder ihr zurückzugeben, auf die wir nicht verzichten möchten.

Rudi Palle: Verschwundene Arbeit

Bücher. Anders.
Als indirektes Manifest der „Anderen Bibliothek“ verstanden wurde der damals im Juni 1994 erschienene einhundertfünfzehnte Band „Verschwundende Arbeit“. Auf dem kartonierten Schuber der 1985 von Hans Magnus Enzensberger begründeten bibliophilen Buchreihe (die inzwischen auf über 300 Bände angewachsen ist, ein imponierendes „Gartenprojekt“ mit langem Atem, gehegt von inzwischen ver-
schiedenen Herausgebern, immer begehrens-, sammelns- und genießenswert) hieß es damals noch: „Die Andere Bibliothek wird in der Nördlinger Buchdruckerei Greno nach den Regeln der Schwarzen Kunst hergestellt. Der Druck erfolgt vom Originalsatz aus Monotype-Metall-Lettern. Das verwendete säurefreie Bücherpapier wird speziell gefertigt. Die Bindearbeiten besorgt die Buchbinderei Lachenmaier, Reutlingen. Die Auflage dieses Buches ist limitiert.

Der Originalsatz wurde bei Erscheinen eingeschmolzen.“ Bleisatz, das war – leider – einmal. Ab Band 145 wurde das Druckverfahren der Liebhaberreihe auf Offsetdruck umgestellt, die Begründung des in seiner Not kostenoptimierenden Verlages: „Weil mittlerweile der Computersatz den Standard des besten Bleisatzes übertrifft.“ Immerhin wurde so im Eichborn Verlag der Bleisatz im Buchdruck bis 1997 und damit bis kurz vor die Jahrtausendwende erhalten, dann war auch dieses Handwerk – bis auf wenige Ausnahmen wie etwa die Friedenauer Presse in Berlin – stillgelegt.

Ein Vademekum. Zum Aufbewahren.
Rudi Palla hat sein Grundlagenwerk jetzt überarbeitet und aktualisiert. Der neue Untertitel seines Handbuches lautet: „Von Barometermachern, Drahtziehern, Eichmeistern, Lustfeuerwerkern, Nachwächtern, Planetenverkäufern, Roßtäuschern, Seifensiedern, Sesselträgern, Wäschermädeln und vielen anderen untergegangenen Berufen“. Das gibt einen ungefähren Einblick in die Berufsvielfalt und soll hier genügen.

Rudi Palle: Verschwundene Arbeit

Rudi Palla führt in eine Schatz- und Wunderkammer, erinnert an gut 200 ausgestorbene Berufe, eine untergegangene Welt voll hochspezialisiertem Wissen, Können und hoher Qualität. Er tut das unsentimental und uneitel, wie ein guter Handwerker, hat Sinn für Anekdoten, Kuriosa, Anschauung. Ein beträchtlicher Teil deutscher Familiennamen leitet sich von Berufs-
bezeichnungen, Tätigkeiten, Werkzeugen, von Erzeugnissen und Handelswaren ab, ja auch von Arbeitsgeräuschen und Begleiterscheinungen. War der Bleisatz die Besonderheit der Ausgabe von 1994, machen den Mehrwert der illustren Neuausgabe die 335 Abbildungen aus, deren Auswahl Verleger Christan Brandstätter, ganz untypisch für die Branche, mit seinem Namen verbindet. Nicht nur, weil unser Unternehmen auf einer alten Zeche siedelt, begrüßen wir die Ausweitung der Illustrationen etwa bei der Bergarbeiterschaft von vorher einer auf nun vier oder die acht Illustrationen bei den Schriftgießern, Schriftschneidern und Schriftsetzern, die zuvor ohne zeitgenössische Bilddokumente auskommen mußten. Hinzuweisen wäre auf eine gewisse Wienlastigkeit des Buches, das verdankt sich der Seßhaftigkeit des Autors. Wenn er beschreibt, wie Scherenschleifer oder Salamisten (Salamiverkäufer) durch die Wiener Straßen zogen, dann wissen wir um die Universalität solcher Beispiele.

Arbeit. Kostet zuviel.
In Deutschland übrigens wurde 2004 die Meisterpflicht in 53 Handwerksberufen abgeschafft. Auch ohne entsprechende Berufsausbildung kann seitdem ein Betrieb eröffnet werden, was zum Beispiel bei den Fliesenlegern zu einer von den Innungen heftig beklagten Wettbewerbsverzerrung und zu einem von den Kunden erlittenen Qualitätsniedergang führt, den sie freilich, das billige Angebot vor Augen, einzukalkulieren vergessen. Meisterbetriebe, die vielleicht sogar auch noch ausbilden, haben keine Chance gegen Einmannbetriebe und Scheinselbständige, die mit Dumpinglöhnen die Schnäppchenmentalität bedienen.

Rudi Palle: Verschwundene Arbeit

Bei den Niedriglöhnen hat Deutschland binnen eines Jahrzehnts mit den USA gleichgezogen. Wissen um Qualität und Wertschätzung guter Arbeit, das ist nicht nur ein Thema historischer Betrachtungen. Es betrifft und trifft uns jeden Tag, bei jeder Kaufentscheidung – die, so ungern wir das wissen wollen, auch eine Ein- und Auskommensentscheidung für Produzenten, Händler und Verkäufer, für Manufaktur oder industrielle Produktion ist. Im Mai 2010 sind die deutschen Hebammen, auch sie Handarbeiter im schönsten Sinne, auf die Straße gegangen. Als Angestellte verdienen sie etwa 1.500 Euro brutto im Monat. Freiberuflich, und das sind die meisten, kommen sie auf einen zu versteuernden Stundenlohn von durchschnittlich 7,50 Euro. Nach langem Ringen im Schiedsgerichtsverfahren erhalten sie rückwirkend ab dem 1. Juli 2010 für jede außerklinische Geburt 100 Euro und für jede Krankenhausgeburt acht Euro zusätzlich. Bei Rudi Palla läßt sich über den ausgestorbenen Beruf der Amme lesen, dem die Hebamme vielleicht eines Tages folgt. Arbeit kostet einfach zu viel und ist uns zu wenig wert – zumindest, wenn es nicht die eigene ist.


Rudi Palla: Verschwundene Arbeit.
335 Abbildungen. Christian Brandstätter Verlag, Wien-München 2010. » zum Produkt...     55,00 SFR

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