Müßig gehen

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In unserer verzweifelt schnellebigen, zwangs­ hektischen Welt haben Begriffe wie Muße oder gar Müßiggang nicht eben Konjunktur. So gelten rasende, notorisch auf Tastaturen von Mobil­telefonen und Computern herum tippende Finger nicht als Symptom der Hyperak­tivität, sondern als Beleg zeitgemäßer Technikbeherrschung.

 

Hält sich die Muße gerade noch im Randbereich des Positiven auf, ist der Müßiggang spätestens seit der allgemeinen Verbreitung protestan­tischer Arbeitsethik („Müßiggang ist aller Laster Anfang“) übel beleumundet. Friedrich Nietzsche konstatierte dazu: „Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite: der Hang zur Freude nennt sich bereits „Bedürfnis der Erholung“ und fängt an, sich vor sich selbst zu schämen. „Man ist es seiner Gesundheit schuldig“ – so redet man, wenn man auf einer Landpartie ertappt wird. Ja, es könnte bald soweit kommen, daß man einem Hange zur vita contemplativa (das heißt zum Spazierengehen mit Gedanken und Freunden) nicht ohne Selbst­verachtung und schlechtes Gewissen nachgäbe.“

 

Es sei daran erinnert, daß bei den großen Den­kern der Antike Muße und Müßiggang dagegen hohe Wertschätzung genossen. So galt es nach Aristoteles als ausgemacht, daß die Glückselig­keit sich in der Muße fndet. Sokrates lobte die Muße gar als den schönsten Besitz von allen und nannte sie die Schwester der Freiheit, und auch Diogenes hielt nach eigenem Bekunden viel vom Müßiggang. Dabei sollte nach Augustinus von Hippo nicht etwa träges Nichtstun locken, son­dern das Erforschen und Auffnden der Wahrheit, oder mit Cato dem Älteren gesprochen: „Niemals ist man tätiger, als wenn man dem Anschein nach nichts tut.“

Die Philosophen redeten jedoch mitnichten der Faulenzerei das Wort, sondern den wertvollen und charakterbildenden Augenblicken der Muße in ihrer ursprünglichen Bedeutung – als Gelegen­heit und Möglichkeit, eben als entspannte, von Pfichten freie Zeit, die mit Kontemplation, geistigen Genüssen und leichten, vergnüg­lichen Tätigkeiten einhergeht.

 

Für solche Momente der Muße muß und sollte man sich bewußt entscheiden, denn nur allzu leicht ist man in der unermüdlichen Geschäftigkeit gefangen, vor der Søren Kierkegaard schon im 19. Jahrhundert warnte, sie schließe den Menschen aus der Welt des Geistes aus und stelle ihn auf eine Stufe mit den Tieren, die instinktiv immer in Bewegung sein müssen. Ein Anfang ist gemacht, wenn man der Empfehlung Heinrich von Kleists folgt: „Man müßte wenigstens täglich ein gutes Gedicht lesen, ein schönes Gemälde betrachten, ein sanftes Lied hören oder ein herzliches Wort mit einem Freunde reden, um auch den schöneren, ich möchte sagen, den menschlicheren Teil unseres Wesens zu bilden.“

 

Wir können uns die Empfehlung nicht verkneifen, auch hin und wieder mit etwas weniger hehren Zielen müßig zu gehen, und – das kann wohl zu einer sehr langen Mußephase führen – einfach absichtslos im Manufactum­-Katalog zu blättern und zu lesen, weiterzublättern und weiterzu­lesen. Dabei raten wir ausdrücklich, das Bestell­formular nicht einmal gedanklich in die Hand zu nehmen, um jede dekontemplative Anwandlung zu unterdrücken, und halten es mit Fontane: „Die Dinge beobachten gilt mir beinah mehr als sie besitzen.“ In diesem Falle sind wir ganz einver­standen und streichen auch – sozusagen im Akt letzter Geschäftigkeit – das Wörtchen „beinah“.

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