Längst scheinen die Propheten der Ökologie und die entschiedenen Bekämpfer des drohenden Klima- wandels keine Latzhosen mehr zu tragen längst bevorzugen sie Nadelstreifen und Kostüm. Diesen Eindruck hinterlassen jedenfalls die Imageanzeigen und Werbekampagnen, die in den letzten Jahren die Umweltverträglichkeit von Produkten in den Mittel- punkt stellen. Schliesslich kommt heute kaum ein Unternehmen umhin, sich auch auf dem Feld der Ökologie zu positionieren. Unter besonderem Druck stehen dabei solche, die ganz unmittelbar mit Energieverbrauch und Klimabilanz assoziiert werden: der Energiesektor, die Automobilindustrie und die Luftfahrtindustrie. Aber auch die Politik gehört dazu: Umweltpolitik wird schliesslich heute in allen Parteiprogrammen gross geschrieben.
Da wird der Bau neuer Braunkohlekraftwerke gefordert und mit technologischen Entwicklungen wie der technischen Abtrennung von CO2 gerechtfertigt, die bei genauer Betrachtung frühestens in 10 Jahren zur Verfügung steht (wenn überhaupt, keinesfalls jedoch bei den aktuell geplanten Werken). Oder man warnt im prominent plazierten Interview mangels neuer Braunkohle- und Atomkraftwerke vor sommerlichen Strom- ausfällen und veschweigt, dass zumindest in Deutschland die Erzeugungskapazitäten in der letzten Jahren vehement ausgebaut und durchaus nicht durch Stillegung von Kraftwerken gemindert wurden.
Da werden Benzinverbrauch und Schadstoffausstoss markeneigener Automodelle in eindrucksvoll sinkenden Kurvendiagrammen dargestellt und ganze Teile der „Flotte“ unterschlagen. Da wird die Dosenverpackung (da recyclebar) zum ökologisch sinnvollen Akt, indem man die ökologischen Herstellungskosten nicht mitrechnet.
„Greenwashing“ heisst diese Technik im angelsächsischen Sprachraum und hat als Begriff bereits 1998 Eingang in das Oxford Concise Dictionary gefunden. „Greenwashing funktioniert nur, solange niemand mitrechnet“, heisst es im Klappentext zu Toralf Stauds Buch „Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen“. Staud rechnet mit und unterzieht Anzeigen und Imagebroschüren systematisch einem „Faktencheck“.
Er sieht das Phänomen der „Grünfärberei“ auch in Deutschland in gewaltigem Aufwind. Der häufg – gelinde gesagt – recht kreative Umgang mit naturwissenschaftlichen Fakten und Statistiken ist jedoch nachprüfbar, wobei das Internet gute Dienste leistet: Gutachten, wissenschaftliche Studien und verlässliche Unter- suchungen sind erreichbar, und sowohl als Buchautor als auch in seinem Blog www.klimaluegendetektor.de legt Staud seine die geprüften Anzeigen entlarvenden Quellen jederzeit offen. So kann das kleine Buch als ebenso lehrreiche wie unterhaltsame Einführung in die Klimadebatte dienen, es hat aber auch eine Qualität, die nicht die geringste ist, die man einem Buch überhaupt zuschreiben kann: Es fördert die Skepsis vor dem allzu fott geschriebenen und üppig illustrierten (Werbe-)Wort und führt gleichzeitig vor Augen, wie dehnbar und streckbar scheinbar selbstverständliche Begriffe („Nachhaltigkeit“, „Effzienz“, „ökologisch“) werden können, wenn sie in die Hände von Werbeagenturen geraten.
Toralf Staud: Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen. Lügen, bis das Image stimmt. Köln, Kiepenheuer & Witsch 2009.
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