Für Buchstabengenießer? Slow Media

Für Buchstabengenießer? Slow Media

Daran, daß die allgemeine Beschleunigung nicht vor der Medienlandschaft haltmacht, sondern im Gegenteil gerade dort besonders spürbar ist, hat man sich längst gewöhnt. Ungewohnt und löblich erschien daher ein Vorstoß, den man zu Jahresbeginn – also dann, wenn gemeinhin die guten Vorsätze sprießen – von einem Trio Medienschaffender vernehmen durfte, das im Internet ein „Slow-Media-Manifest“ (darunter macht es heute wohl keiner mehr) publizierte (www.slow-media.net). Daß die Autoren – die damit nicht weniger postulieren, als worum es bei der elektronischen Medienproduktion des kommenden Jahrzehnts gehe – dabei bewußt die begriffliche Nähe zu Slow Food suchen, wird nicht nur im Namen deutlich, sondern auch, wenn sie fordern, „Aufmerksamkeit bei der Wahl der Zutaten und Konzentration bei der Zubereitung“ walten zu lassen. Nicht zuletzt, weil uns auch mit dem Anliegen von Slow Food eine langjährige Sympathie verbindet, schien uns ein solches Vorhaben zunächst einmal erfreulich. Und auf den ersten Blick gab die 14 Punkte umfassende Erklärung von Zielen und Absichten – auf die gedruckten und elektronischen Medien angewandt, die wir Jahr für Jahr in nicht unbeträchtlicher Zahl produzieren – uns mit Begrifflichkeiten wie Nachhaltigkeit, Qualität und Zeitlosigkeit das nicht unangenehme Gefühl, daß wir offenbar bereits seit fast einem Vierteljahrhundert nach den Anforderungen des kommenden Jahrzehnts arbeiten.

Schnell allerdings wich unsere wohlwollende Wertung einer gewissen Irritation. Allzu deutlich wird, daß die Thesen vage und beliebig formuliert sind. So urteilt ein Schreiber unter dem Namen Hal Faber auf Heise Online denn auch harsch und rüde: „… ein schwachsinniges Slow Media Manifest, das daherkommt, als sei es auf dem Einwickelpapier von Manufactum gedruckt worden.“ An anderer Stelle ist von einer „diskursiven Blase“ die Rede. Weitere Autoren bemängeln in differenzierterer Kritik, daß weder klar werde, um welche Medienformate es genau gehen soll, noch wie diese konkret umzusetzen seien. Daher bleibe auch zwangsläufig offen, ob Slow Media lediglich den reinen Medieninhalt meine oder sich auch auf dessen technische Umsetzung beziehe. Für letzteres prophezeit ein scharfsinniger Blogger die Notwendigkeit einer neuen Medienrevolution: Computer, die imstande sind, nur ein einziges Browserfenster zu öffnen, um dem im Manifest geforderten Monotasking gerecht zu werden. Da hilft auch wenig, daß die Benediktiner der Abtei Münsterschwarzach, sonst eher für die Gesänge ihrer Choralschola als für ihre Blogbeiträge bekannt, glauben, gar Parallelen zu den Ordensregeln des Heiligen Benedikt entdeckt zu haben und auf ihrer Website fragen: „Wird das Internet benediktinisch?“

Eines hat das Manifest damit fraglos erreicht: einen bunten, heftigen (und schnellen) Meinungsaustausch über das Thema. Es hat immerhin gemäß seiner eigenen Anforderungen im Denken und Handeln seiner Leser nachgewirkt und zu einem gegenseitigen Dialog geführt. Daß etliche der nachfolgenden Diskussionsbeiträge ihr Bezugsobjekt an geistigem Nähr- und Unterhaltungswert deutlich übertrafen, steht außer Frage. Am Ende bleibt festzuhalten, was ein Schreiber in seinem Blog (www. marcus-boesch.de) resümiert: „Leider bietet das Slow Media Manifest wenig Neues. Und wenig Interessantes. Die Ausgangslage ist recht klar und von vielen bereits treffend beschrieben worden. (...) Im diffusen Slow Media Manifest werden Taten angekündigt, die andere längst vollbringen – ohne diese reflexiv zu zerreden.“ Ob wir mit diesen anderen gemeint sind oder nicht: Wir werden unsere Kataloge weiterhin so erstellen (und unseren Internetauftritt so pflegen), wie wir es für richtig halten, und überlassen es anderen, die dahinter stehenden Grundsätze zu formulieren. Ein Manifest wird es von uns auch zukünftig nicht geben – weder auf unserem Einwickelpapier noch bei Twitter noch sonst irgendwo.

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